Beiträge vom Oktober 2016

Wo sollen die Menschen sonst hin gehen?

20. Oktober 2016  Meldungen

Leserbrief zum Bericht: „Angst vor unkontrollierter Drogenszene“ (Schwäbische Zeitung, 18.10.2016)

von Manuel Ricart Brede

Das ist sozialpolitisch betrachtet wohl schon etwas verwerflich. Der soziale Kontakttreff DIE INSEL, welcher sich seit sehr vielen Jahren direkt hier in der Innenstadt von Ravensburg befindet schließt zum Ende des Jahres 2016.

Von der Konzeption her ist es so, dass vor Ort immer bei Bedarf des Besuchers ein Sozialarbeiter direkt angesprochen werden kann. Man muss aber nicht- das bleibt offen. Es ist im Prinzip ein niederschwelliges Hilfsangebot für Menschen mit Drogenproblemen, Alkoholproblemen und davon stark bedrohten Personen. Unter Aufsicht können dort sterile Einwegspritzen verwendet werden. Zudem ist es den Klienten dort auch möglich unter Aufsicht ihre Wäsche zu waschen oder wichtige soziale Kontakte zu knüpfen. Jeden Tag wird dort ein ökonomisch günstiges warmes Mittagessen zur Verfügung gestellt. Teilweise wird auf Wunsch des Klienten durch das Personal vor Ort auch ein Alltagsmotivationstraining erarbeitet. Es ist also ein wichtiges soziales Projekt was bereits in der Vergangenheit positive Effekte erzielt hat. Ja all dies endet nun aus Kosteneinsparungsgründen, da sowohl die Stadt Ravensburg sowie weiter daran beteiligte Träger für die weitere Finanzierung keine Lösung finden konnten. Problematisch ist hier dann auch die Verlagerung dieser Szene zu betrachten. Niemand möchte doch wohl Spritzen direkt in der Stadt auffinden. Durch diese Schließung entstehen der Stadt auf lange Sicht weit höhere Kosten. Nun ich kenne einzelne davon betroffene Personen persönlich.

An wen sollen sich diese Menschen dann wenden und wohin können Sie gehen?


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Artikel der Schwäbischen Zeitung am 18.10.2016 in der Ravensburger Ausgabe

Bethold Rueß

Angst vor unkontrollierter Drogenszene

Ravensburger Kontaktladen schließt – Kein alternatives Angebot in Sicht Ravensburg sz Für den Kontaktladen „Die Insel“ in der Ravensburger Rosmarinstraße naht das Ende: Die Trägergesellschaft Suchthilfe gGmbH wird definitiv zum Jahresende aufgelöst. Wie es mit der niederschwelligen Betreuung Suchtkranker danach weitergeht, ist noch völlig ungeklärt. Seitens der Polizei wird die Befürchtung geäußert, dass sich ab nächstem Jahr in Ravensburg dann wieder verstärkt eine offene Drogenszene bilden könnte.

Omar Hasan gehört zur Klientel der „Insel“. Er hat noch den Versuch unternommen, mit einer Unterschriftenaktion um Unterstützung für den Erhalt der Einrichtung zu werben. „Für uns war der Konti immer eine Alternative zur Straße“, schreibt er. „Hier konnten wir duschen, günstig essen, uns im Winter aufwärmen, in der Kleiderkammer neue Kleidung bekommen, auch gab es Tierfuttermittelspenden und vieles mehr“. Dass jemand, der kaum seinen Alltag bewältigen kann, sich zu diesem Schritt an die Öffentlichkeit aufrafft, findet André Bodenmüller, Mitarbeiter des Kontaktladens, durchaus bemerkenswert. Dies zeige, wie wichtig die Einrichtung für die Suchtkranken sei. Hier finden sie Hilfe ohne Hürden. Mehr noch: „Es ist für viele ein cleaner Ort. Es ist wie eine Insel, wo man Ruhe und Abstand zur Drogenszene findet.“

Bodenmüller hat sich längst anderweitig beworben. Für seine bisherige Kundschaft ist es weit schwieriger, eine Alternative für den gewohnten Treffpunkt zu finden. Etwa 25 Personen finden sich hier regelmäßig an den Öffnungstagen ein, bekommen gesundheitsfördernde Angebote und Beratung. Es ist für Sozialarbeiter auch eine gute Gelegenheit, nicht substituierte Heroinkonsumenten zu erreichen, sie möglicherweise zu einer Therapie zu bewegen. Wichtig ist aber auch der hygienische Aspekt: Hier konnte ein geordneter Spritzentausch stattfinden. Mittlerweile ist die „Insel“ nur noch an zwei Nachmittagen pro Woche geöffnet – bis Jahresende.

Neue Drogen auf dem Markt

„Es ist zu befürchten, dass die Immobilie an der Rosmarinstraße nicht gehalten werden kann“, äußert sich Thomas Fritschi, Leiter der Suchtabteilung am ZfP in Weißenau und langjähriger Begleiter des Kontaktladen. Dann werde es schwierig, eine vergleichbare Einrichtung irgendwann wieder zu eröffnen. Fritschi verweist auf die verkehrsgünstige Lage, vor allem aber auf das Umfeld, das den Kontaktladen toleriert. Dafür war einmal viel Überzeugungsarbeit geleistet worden. Dass das Konzept des Kontaktladens in manchen Bereichen geändert werden müsste, räumt der Arzt ein. Seit der Eröffnung der Substitutionspraxis Matschinski in Ravensburg sei die Zahl nicht substituierter Heroinanhängiger zurückgegangen. Dafür seien neue Drogen auf dem Markt. Und mittlerweile finden auch jüngere Leute aus der „Holzmarktszene“ mit anderen Suchtformen den Weg in den Kontaktladen. Fritschi: „Wir können ja niemanden rauswerfen, weil er kein Heroin nimmt“.

Für den Leiter der Kriminalpolizei, Uwe Stürmer, hat sich das Konzept durchaus bewährt: „Prävention funktioniert, wenn der Zugang zur Zielgruppe funktioniert“. Er habe den Eindruck, „dass finanzielle Fragen auf dem Rücken Drogenabhängiger ausgetragen werden“. Stürmer sieht den Kontaktladen als „Wohnzimmer der Entwurzelten“. Hier werde ihnen Betreuung und Stabilität geboten. Durch die Schließung des Kontaktladens werde sich die Szene wieder verstärkt auf die Straße verlagern, fürchtet Stürmer. Das habe auch Auswirkungen auf das Sicherheitsgefühl. Die Drogenszene schätzt Stürmer auf mehrere Hundert Konsumenten.

Offener Brief der Linken

Der Kreisverband der Partei der Linken hat jetzt in einem offenen Brief Stadt und Kreis aufgefordert, für den Erhalt des Kontaktladens zu sorgen. „Wenn Landkreis und Stadt die fehlenden Finanzen für den Fortbestand des Kontaktladens nicht aufbringen wollen, wird es am Ende für die Allgemeinheit zehnmal so teuer“, heißt es in dem Schreiben. Gebrauchte Spritzen würden wieder auf Spielplätzen, Bahnhöfen, öffentlichen Toiletten und Parkanlagen entsorgt.

Man wolle die hygienische Grundversorgung und den Spritzentausch weiter aufrechterhalten, versichert die Sozialdezernentin des Landkreises, Diana Rädler. Dies sei erklärter Wille der Gesellschafter der Suchthilfe. Um dafür ein neues Konzept auf die Beine zu stellen, kündigt sie einen Runden Tisch an, der Ende des Monats Experten zusammenbringen soll. Ein einzelner Träger könne die niederschwellige Betreuung Suchtkranker kaum leisten. „Da ist die Stadt mit Sicherheit gefordert“, stellt Rädler klar. Die Stadt Ravensburg hat den Kontaktladen bisher mit jährlichen Zuschüssen unterstützt, eine Beteiligung an der Trägerschaft aber kategorisch abgelehnt.


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